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"Im Mittelpunkt des Weltinteresses steht augenblicklich der Monsterprozeß
gegen 628 Angeklagte in Wuppertal, der in Etappen, etwa in 10 Teile gegliedert
ist. Über 600 Menschen, Männer und Frauen, Greise und Jugendliche,
Sozialdemokraten und Kommunisten, Christen, Parteilose, Gewerkschafter und
Mitglieder der ,Arbeitsfront' stehen hier vor den Schranken des Blutgerichts.
Nur deshalb, weil sie nicht freiwillig verhungern wollten und für die
elementarsten Menschenrechte eintraten."
Die so genannten "Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse", die der Verfasser des
illegalen Flugblatts von Anfang 1936 als "Monsterprozeß" bezeichnete, gehörten
zu den größten Prozessen, die zwischen 1933 und 1945 gegen Angehörige illegaler
Arbeiterorganisationen in Deutschland geführt wurden. Mehr als 650 Menschen aus
Wuppertal und Velbert waren wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" angeklagt. Viele
dieser Frauen und Männer hatten sich am Aufbau illegaler Gewerkschaftsgruppen
beteiligt. Die "Gewerkschaftsprozesse" fanden eine große Resonanz in der
internationalen Arbeiterbewegung und galten als Symbol des Massenwiderstands
gegen den Nationalsozialismus. Zugleich dokumentieren die Prozesse die Rolle von
Terror und Mord zur Durchsetzung und Etablierung der nationalsozialistischen
Herrschaft. Die Geschichte der "Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse" ist nicht
nur von großer lokaler Bedeutung, sondern steht zugleich für den
gewerkschaftlichen Widerstand gegen das NS-Regime sowie für die Solidarität der
internationalen Arbeiterbewegung. Im November 2005 jährt sich zum 70. Mal der
Beginn des ersten Verfahrens dieser Prozess-Serie. In diesem Monat soll die
Ausstellung zu den "Wuppertaler Gewerkschaftsprozessen" erstmals präsentiert
werden.
Historischer Hintergrund
Seit 1930 war Wuppertal Schauplatz
erbitterter Straßenkämpfe zwischen den Mitgliedern der SA und der
Arbeiterbewegung. Die Stadt war bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein Zentrum
der sozialistischen Arbeiterbewegung, deren Anhänger in Parteien,
Gewerkschaften, Kultur- und Sportvereinen sowie Genossenschaften organisiert
waren. In den 20er Jahre entwickelte sich Wuppertal aber auch zu einer Hochburg
der NSDAP. Nach der Machtübernahme Hitlers verstärkten die Nationalsozialisten
den beispiellosen Terror gegen die Regimegegner. Im Juli 1933 richtete die SA
das frühe Konzentrationslager Kemna ein, in dem die so genannten
"Schutzhäftlinge" von den Wachmannschaften bestialisch drangsaliert und
gefoltert wurden. Trotz dieser Erfahrungen nahmen Anfang 1934 viele
KPD-Funktionäre die Arbeit in den nunmehr illegalen Strukturen wieder auf: Ihr
Hauptaugenmerk lag auf dem Wiederaufbau von freien Gewerkschaftsgruppen. Es
gelang bis zum Sommer 1934 im Großraum Wuppertal gemeinsam mit Sozialdemokraten
und Parteilosen, 61 betriebliche Widerstandsgruppen aufzubauen. Die Frauen und
Männer in diesen Gruppen griffen direkt in fabrikinterne Auseinandersetzungen
ein, stellten mehrere illegale Zeitungen her und lösten Kurzstreiks in einigen
Betrieben aus. In Velbert wurde sogar der Deutsche Metallarbeiterverband (DMV)
unter der Führung eines Sozialdemokraten wieder gegründet. Ihm gelang es 14
Gewerkschaftsgruppen in den Metallbetrieben aufzubauen. Für den Historiker
Detlev Peukert stellten diese Gewerkschaftsgruppen "die weitaus größte
Einheitsfrontbewegung im Rhein-Ruhrgebiet dar". Dieser Massenwiderstand
konnte dem Staatsapparat nicht verborgen bleiben: Im Januar 1935 begannen
Wuppertaler Gestapo- und Düsseldorfer SD-Beamte (Sicherheitsdienst der SS) in
enger Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst der Deutschen Arbeitsfront (DAF) mit
Massenverhaftungen in Wuppertal und Velbert. In den folgenden Monaten wurden
mehr als 1200 Menschen festgenommen. Die Ermittlungen der Gestapo, die mit
äußerster Brutalität geführt wurden und mindestens zehn Männern das Leben
kosteten, führten zu einer Serie von Massenprozessen, den "Wuppertaler
Gewerkschaftsprozessen". Im November 1935 begann das erste Verfahren, in dem 13
Menschen vom Volksgerichtshof Berlin verurteilt wurden. In den folgenden
Prozessen bis Anfang 1937 verurteilten Richter des Oberlandesgerichts Hamm mehr
als 600 Menschen wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu mehrjährigen
Haftstrafen. Die "Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse" waren der Anlass für
eine umfassende Aufklärungskampagne im Ausland wie auch in Deutschland über die
Verfolgung der deutschen Arbeiterschaft. Ende 1935 gründeten in Amsterdam
niederländische Intellektuelle, KPD-Funktionäre und einige Wuppertaler Exilanten
das Wuppertal-Komitee. Dieses Komitee konnte eine umfangreiche Öffentlichkeits-
und Unterstützungskampagne ins Leben rufen, die unter anderem vom
Internationalen Gewerkschaftsbund (IGB), der Internationalen Transportarbeiter
Föderation (ITF) sowie dem Vorstand der Sozialdemokratischen Partei im Exil
(Sopade) unterstützt wurde. Das Wuppertal-Komitee setzte durch seine
vielfältigen Aktionen und wegen seiner überparteilichen Ausrichtung eine
internationale Solidaritätsbewegung in Gang, die seinerzeit einzigartig war. Die
Methoden der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gelangten somit an die
internationale Öffentlichkeit.
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