Internetausstellung

VORBEREITUNG ZUM HOCHVERRAT
70 JAHRE "WUPPERTALER GEWERKSCHAFTSPROZESSE

In Wuppertal und Umgebung waren 1934/35 die bekanntesten Gruppen parteiübergreifenden gewerkschaftlichen Widerstands aktiv. Trotz des brutalen Terrors 1933, der sich in der Region des Bergischen Landes vor allem mit dem Namen des frühen Konzentrationslagers Kemna verbindet, gelang es der KPD gemeinsam mit Sozialdemokraten, Gewerkschaftern und Parteilosen Widerstandsgruppen in zahlreichen Betrieben aufzubauen. Besonders im Bereich der Textil- und Metallindustrie griffen die Aktivisten direkt in fabrikinterne Auseinandersetzungen ein, stellten eigene Zeitungen her und lösten Kurzstreiks in zwei Betrieben aus.

Im Januar 1935 konnte die Gestapo nach dem Hinweis eines V-Mannes, der zur Festnahme dreier führender KPD-Funktionäre führte, in die illegalen Partei- und Gewerkschaftsgruppen eindringen. Bei den folgenden Massenverhaftungen gerieten nach einem Bericht des Sicherheitsdienstes der SS bis Ende 1936 rund 1.900 Frauen und Männer aus Wuppertal, Velbert, Solingen und Remscheid vorübergehend in die Gewalt der Gestapo. Diese ging mit derartiger Brutalität gegen die Verhafteten vor, dass im Ermittlungszeitraum mindestens 17 Männer an den unmittelbaren Folgen der Folterungen starben.

Gegen rund 720 Personen erhoben die Staatsanwaltschaften zwischen 1935 und 1937 Anklage. Mehr als 600 von ihnen wurden für schuldig befunden und vom Oberlandesgericht Hamm sowie dem Volksgerichtshof in mehreren Verfahren zu Gefängnis- und Zuchthausstrafen verurteilt.

Das in den Niederlanden gegründete "Centraal Comitée Wuppertal Process" machte diese Verfahren durch eine intensive europäische Pressekampagne weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. Über ein in Wuppertal neu aufgebautes Verteilernetzwerk unterstützte das Komitee zusätzlich Angeklagte und ihre Angehörigen finanziell.

Eine systematische Erforschung dieser als Wuppertaler Gewerkschaftsprozesse bekannt gewordenen Verfahrensserie gab es bisher leider nur punktuell.[1]

Anfang 2004 gründete sich ein Trägerkreis unterschiedlicher Institutionen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, um zum 70. Jahrestag des Beginns der ersten Massenverfahrens eine Ausstellung zu realisieren, die der historischen Bedeutung dieses singulär breiten Widerstands gerecht wird. Aus finanziellen Gründen konzentrierte sich der Trägerkreis auf die Präsentation der neuen Forschungsergebnisse im Rahmen einer multimedialen virtuellen Ausstellung.

Seit November 2005 ist die Seite www.gewerkschaftsprozesse.de online.

Die Inhalte stammen von den Mitgliedern des "Vereins zur Erforschung der sozialen Bewegungen im Wuppertal", einer interdisziplinären Forschergruppe, die sich in ihrer inzwischen zehnbändigen Publikationsreihe mit unterschiedlichen Aspekten von Widerstand und Verfolgung in der Region befasst. Verantwortlich für die Koordination des Projekts ist die Historikerin Anne Marioth.

Zeitlich schlägt die Webseite mit den Menüpunkten "Historischer Hintergrund", "Widerstand", "Gewerkschaftsprozesse" und "Nach den Prozessen" den Bogen von der Frühzeit der Arbeiterbewegung bis in die Anfänge des Kalten Krieges. Die wissenschaftlich fundierten Texte werden durch vielfältiges Bildmaterial und zahlreiche Originalquellen illustriert. Verhörprotokolle, Urteilsschriften und Briefe werden ergänzend zum Download angeboten. In Kürze stehen auf der Seite, die sukzessive ausgebaut wird, auch Ton- und Filmdokumente zur Verfügung.

Herzstück ist eine Datenbank aller Personen, die in den Akten der Verfolgungsbehörden (Ermittlungsakten der Generalstaatsanwaltschaft Hamm erfasst wurden. Die 1.213 Datensätze lassen sich nach den Kriterien Name, Adresse, Parteizugehörigkeit, Geburtsjahrgang, Datum der Festnahme, Prozess und Strafmaß durchsuchen. In der Detailanzeige erfährt man zusätzlich den Familienstand, die berufliche und soziale Situation und, für eigenes Weiterforschen besonders hilfreich, die Signaturen der zugrundeliegenden Archivalien.

Ein eigener Menüpunkt ist Kurzbiographien gewidmet, wo sich sowohl Lebensbeschreibungen der wichtigsten beteiligten Gestapobeamten als auch der zentralen Personen der Widerstandsgruppen sowie der Todesopfer der Vorermittlungen finden.

Die Webseite ist hauptsächlich für den Einsatz in der schulischen, betrieblichen und gewerkschaftlichen Bildungsarbeit konzipiert, ermöglicht über die Datenbank aber auch eigene Familien- oder Quartier-bezogene Recherchen.

[1] Vgl. Detlev Peukert: Die KPD im Widerstand, Verfolgung und Untergrundarbeit an Rhein und Ruhr 1933 bis 1945, (= Düsseldorfer Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens, Bd. 2), Wuppertal 1980, S. 236-240.

Expose: Historischer Hintergrund, Inhalt, Konzeption, Träger